Die Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus Frankfurt e.V. (i.G.)

Die "Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus Frankfurt e.V." ist erstmals als loses Bündnis im Juli 2016 zusammengetreten und hat sich am 24. April 2018 als Verein gegründet. Vorbild und Namenspatron war die "Aktionsgemeinschaft Opernhaus Frankfurt e.V.", welche sich seit 1964 erfolgreich für einen Wiederaufbau der Alten Oper einsetzte. Denn auch beim alten Schauspielhaus handelt es sich um eine Ruine, die in Teilen noch erhalten und durch weitere Baumaßnahmen in ihrem Bestand gefährdet ist.

 

Die neue Aktionsgeminschaft Schauspielhaus wird von einem Vorstand geleitet, der sich aus bekannten und engagierten Persönlichkeiten zusammensetzt. Diese repräsentieren zudem die verschiedensten Berufs- und Altersgruppen und bilden somit in hohem Maße einen Querschnitt der Frankfurter Gesellschaft.  

 

Im Bild v.l.n.r: Wilhelm von Wedelstädt (des. Kassenprüfer), Jürgen E. Aha (Initiator und Pressesprecher), Constantin Graf von Plettenberg (2. stellv. Vorsitzender), Oberstudienrat a.D. Peter Weihnacht (Beisitzer), Tobias Rüger (Vorsitzender), RA Sybille Franzmann-Haag (1. stellv. Vorsitzende), Matthias Feuer (Beisitzer), Lutz Rochau (Beisitzer), Matthias Müntze (Beisitzer) und Sevil von Kuczkowski (Beisitzer). 

Bei der gutbesuchten Pressekonferenz am 8. Mai 2018 im Frankfurter Presse Club FBC

 

Meinungen:

Tobias Rüger
Saxophonist
Vorsitzender "Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus Frankfurt e.V."
 
"Originale Standorte sind nicht auch zwangsäufig authentische Orte. Im Fall des dereinstigen Gebäudes der Frankurter Städtischen Bühnen haben wir beides: Im Inneren des zu großen Teilen erhaltenenen Schauspielhauses von 1902, das wiederum von Otto Apel 1961 umbaut und mit einem Glasfoyer verdeckt wurde. 
Mir scheint dieses Umbauen und Verdecken symbolhaft für den Zeitgeist des sogenannten Wirtschaftswunders, das von einem gigantischen Verdrängungstrieb gelenkt war. Als Otto Apel den Umbau des Frankfurter Schauspielhauses zu planen begann, da waren gerade eineinhalb Jahrzehnte seit seiner Tätigkeit im Büro von Albert Speer vergangen, in dem er an der Errichtung von Hitlers Neuer Reichskanzlei maßgeblich mitwirkte. 
Jetzt, da – ebenfalls symbolhaft – die Ummantelung des Seeling-Baus marode geworden ist und sich die Frage stellt, wie denn eine Sanierung zu bewerkstelligen wäre, ist es meiner Ansicht nach ein guter Moment, zu prüfen, auf welchem Weg der Seeling-Bau wieder freigelegt, wiederhergerichtet und mitsamt seiner urbanen Freilichtgastronomie der Stadtgesellschaft zurückgegeben werden kann. 
 
Nahezu jeden Tag gehe ich an der gigantischen Glafassde der Frankfurter Bühnen vorbei und versuche dabei die Kubatur des Seeling-Baus dahinter auszulesen. Es wirkt auf mich wie in einem gläsernen Sarg versiegelte Geschichte. Bei meiner Mitwirkung an Produktionen im Frankfurter Schauspiel konnte ich die prächtigen Fassadenteile des Innenhofs, die Reliefs aber auch scheinbar banale Details wie Treppengeländer sehen. Ich stellte mir vor, wie beispielsweise ein Arthur Sackheim seine Hand über dieses Geländer hat gleiten lassen, auf dem Weg von der Probe eines Brecht-Stücks zum Büro des Intendanten, der ihm vorträgt, dass »undeutsche« Werke in Zukunft nicht mehr aufgeführt würden. Die derzeitige bauliche Situation lässt keine derartigen Inspirationswelten zu, sie verwischt die Authentizität des Orts und ist ein Ort mit technokratischer Aura.
 
Ich wünsche mir daher eine Freilegung des Seeling-Baus unter Berücksichtigung der historischen Bedeutung des Frankfurter Schauspielhauses. Hierbei sollte auch ein Anbau an der Rückseite des Geländes geplant werden, der eine Verbindung zur derzeit in Arbeit befindlichen Erweiterung des Jüdischen Museums herstellt. So würden zwei authentische Orte, der ehemalige Stammsitz der Familie Rothschild sowie der freigelegten Seeling-Bau gewissermaßen zu einer »Geschichtsbrücke« verbunden, die zu einem Salon mit Darstellung historisch wichtiger Ereignisse, aber auch zu einem Veranstaltungsort aufgewert werden könnte. Hier, direkt am authentischen Ort wäre somit nicht zuletzt auch den verfehmten jüdischen Frankfurter Kulturschaffenen aus der NS-Zeit und damit einer glanzvollen Epoche Frankfurter Theaterschaffens ein Denkmal gesetzt.
 
 

Sybille Franzmann-Haag

Rechtsanwältin und Partnerin einer Wirtschaftskanzlei

1. Stellv. Vorsitzende "Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus Frankfurt e.V."

 

"Beim Bearbeiten eines Nachlasses fielen mir vor wenigen Jahren ein Satz alter Postkarten „Frankfurt a.M. um 1900“ in die Hand. Es war sehr merkwürdig, ich bin hier groß geworden, aber ich erkannte kaum etwas an Straßen und Plätzen wieder. So vieles ist zerstört und verändert worden. Ich glaube, das war ein Schlüsselmoment.

 

Frankfurt war – vor dem zweiten Weltkrieg – eine außergewöhnlich schöne und sehenswerte Stadt, mit vielen kunstvollen Gebäuden, auf die man stolz war und  in deren Mitte man äußerst gut „leben“ konnte.  Das hieß: sowohl seiner Tätigkeit nachgehen, als auch wohnen, Zeit verbringen, Freunde treffen und auf schönen Plätzen flanieren. Auch unser Schauspielhaus von 1902 ist, weil es nach seiner „Verhüllung“ nun viele Jahrzehnte aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist, inzwischen nahezu unbekannt. Ebenso seine prachtvollen Terrassen, sein Vorplatz und sein Lokal  zur Straße hin. Es war ein schöner Mittelpunkt, ein Café unter den Arkaden, in dem man sich traf und gern aufhielt.

Heute gibt es kaum noch Frankfurter, die den Originalbau aus eigener Anschauung kannten und inzwischen ist  Frankfurt in weiten Teilen der Innenstadt ohnehin nur noch ein reines Gewerbegebiet. Wir errichten Hochbauten und Einkaufspaläste, die auch in Shanghai oder Sao Paolo stehen könnten. Das ist zwar geschäftsmäßig, modisch und kühl, aber nicht außergewöhnlich oder wohnlich, und schon gar nicht bürgernah.

 

Ich denke, genau das hat auf der anderen Seite bei vielen eine tiefe  Sehnsucht nach Authentizität und Originalität, nach Historie, stimmungsvollen Plätzen und lauschigen Cafés, die sich genau in der Stadtmitte finden sollten, ausgelöst. Trifft irgendeines dieser Attribute auf den heutigen Willy-Brandt-Platz zu? Nein. Wir müssen indes zur Kenntnis nehmen: die pragmatisch-hässliche Baukunst der 60er Jahre hat sich überlebt. Das heutige Schauspielhaus (das den Altbau von 1902 zur Zeit überdeckt), zeigt einen verirrten Stil, ähnlich einer  Industriehalle; niemand kann einem so recht mehr erklären, warum man das in den 60ern überhaupt gemacht und genehmigt hat. Vielleicht war das inspiriert von der Serie „Raumpatrouille“, wer weiss. Das ist einfach vorbei. Wenig überraschend ist, dass bei spontanen Umfragen in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen die Zustimmung zum Schauspielbau von 1902 unheimlich hoch ist. Die Initiative zum Schauspielhaus von 1902 unterstütze ich, weil es nun Zeit wird für Rückbesinnung auf das, was wir noch haben, was uns ausmacht, was unsere individuelle Stadtgeschichte ist und was wir stolz wieder hervorholen sollten, um die Lebensqualität und das ästhetische Bild in der Stadtmitte wieder herzustellen.

 

 

Constantin Graf von Plettenberg

Dipl.- Kaufmann und Finanzberatung

2. Stellv. Vorsitzender "Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus Frankfurt e.V."

 

"In letzter Zeit bin ich mehrfach gefragt worden, warum mich für den Seeling-Bau von 1902 einsetze:

 

1. Es geht mir besonders um die Lesbarkeit der Stadtgeschichte. Es gab ja nicht nur immense Zerstörungen im 2. Weltkrieg - viele gute Gebäude, die man danach hätte wiederherstellen könne gingen zusätzlich im sogenannten „Nachkrieg“, also im Rahmen der modernen Stadtplanung (die autogerechte Stadt, Wohnen außerhalb der Altstädte in maßstablosen überdimensionierten Betonburgen, ins Zentrum geht man nur zum Einkaufen etc.),  in den Folgejahrzehnten unwiederbringlich verloren:

- Geschichte und kulturelle Identität sollten nichts mehr wert sein! Das seit Jahrhunderten fruchtbare Zusammenspiel von Architektur, Bildhauerei und Malerei hatte ausgedient.  Nur die monumentale gesichtslose Moderne sei gut und zukunftsweisend!

- Der Trend ist glücklicherweise seit Jahren umgekehrt: die Wiederherstellung von historischen Gebäuden (Berlin, Dresden, Potsdam, Hannover-Herrenhausen, Hildesheim (Knochenhaueramtshaus 1986 ff.) etc.), bis hin zu ganzen Stadtviertel sind in der interessierten Öffentlichkeit hoch willkommen!

 

2. Es geht des weiteren um Identität und urbanes Lebensgefühl. Gebäude wollen auch immer an etwas erinnern. So hat man bspw. gegen Ende des 19. Jahrhunderts das Frankfurter Rathaus erweitert und dabei auch die Fassaden zum Römerberg hin neugestaltet. Den Stadtvätern ging es damals darum an Frankfurt als Reichsstadt und an die Wahl- und Krönungsstadt zu erinnern. Das Dekorationsprogramm des Neubaues sollte die Bürgerschaft daran erinnern, dass die Stadt ab 1815 eine Freie Stadt war, also über sich selbst bestimmen konnte, ein Privileg, das zunächst 1866 mit der Annektion durch Preußen enden sollte.

 

3. Analog hier der Seeling-Bau, der ohne den bedeutenden Politiker, Verleger, Mäzen und Juden Leopold Sonnemann gar nicht denkbar gewesen wäre. Ebenso wenig wie die Alte Oper, der Palmengarten und der Frankfurter Hof. Auf diese Baujuwelen sind wir heute, wenn auch teilweise rekonstruiert, (wieder) stolz. Diese sind qualitätvolle Beispiele der Bauepoche der Gründerzeit und stehen für prägnante innerstädtische Orientierungspunkte.

 

4. Der wiederherzustellende Seeling-Bau von 1902, der im aktuellen Apel-Bau in Teilen erhalten ist (Neo-Renaissance (aussen) und Jugendstil (innen)), würde an Frankfurts Demokratische Moderne erinnern. Nachdem bspw. das im Krieg nur beschädigte Schumann-Theater gegenüber vom Hauptbahnhof mit seiner prachtvollen Jugendstilfassade um 1960 ohne Not abgerissen wurde, bekäme Frankfurt seinen 2. historischen Theaterbau zurück, was zweifellos das Stadtbild weiter aufwerten dürfte.

 

5. Ein letzter Aspekt an dieser Stelle: Frankfurt ist ja seit Jahrhunderten internationale Handels- und Bankenstadt. Aus der Perspektive der vielen Menschen aus dem Ausland, die hier arbeiten, ist klar, das diese sich natürlich immer an den Eigentümlichkeiten bzw. Besonderheiten ihrer neuen Lebensumgebung orientieren wollen, ja diese geradezu suchen – der architektonisch gleichförmige bzw. austauschbare Apel-Bau dürfte hier eher wenig Begeisterung und Interesse hervorrufen, geschweige denn mithelfen Deutschland im Ausland als Kulturnation zu präsentieren."

 

 

Sevil von Kuczkowski

Marketingexpertin

Beisitzer "Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus Frankfurt e.V."

Foto: Sat 1

"Der Wiederaufbau des Frankfurter Schauspielhauses ist eine tolle Idee, die ich aktiv unterstütze. Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal alte Fotos dieses Neorenaissance-Baus sah, dachte ich sofort: Wow, das hat einmal am Willy-Brandt-Platz gestanden? Unglaublich. Dieses schöne Gebäude muss einfach wieder her.

 

Heute gehört der Willy-Brandt-Platz für mich zu den trostlosesten Plätzen Frankfurts. Kaum zu glauben, daß er erst vor Jahren für viele Millionen Euro saniert wurde. Man könnte nun noch einmal Millionen investeren und sogar Gehwegplatten aus Gold verlegen: Der Platz bleibt ein hässlicher, zugiger Unort. Stadtplaner sollten erkennen, daß ein Platz seine Qualität durch die Gebäude erlangt, die ihn umgeben. Und da ist mit der Theaterdoppelanlage Hopfen und Malz verloren. Kaum zu glauben, daß dieser Kasten tatsächlich noch einmal für viele Steuermillionen saniert werden oder sogar noch ein Stockwerk draufgesattelt werden soll. Das alles macht keinen Sinn und ist nicht zukunftsweisend. Wir alle sollten erkennen: Dieses Gebäude hat seine beste Zeit hinter sich und es ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Durch ihn pfeifft der Wind der 60er Jahre, in denen man noch am Nierentisch hinter großen Glasscheiben saß, an seiner HB zog und raus auf die autogerechte Stadt blickte.

 

Wie viel zeitloser ist da die Architektur des Seeling-Baus von 1902: Das Gebäude strahlt Selbstbewustsein aus und wirkt zugleich verspielt und romantisch. Das Auge verliert sich in hundert kleinen Details. Im Prächtigen Foyer sollen sich einmal die Theatergäste treffen. Dazu braucht man keine riesigen Fensterscheiben, denn man trifft sich ja im Foyer, um mit anderen zu kommunizieren und nicht, um auf die Stadt zu glotzen. Nach der Veranstaltung geht es raus in den grünen "Lustgarten" mit vielen hundert Sitzplätzen oder vor die Kolonnaden, wo noch einmal 150 Sitzplätze bereit stehen. Hier vermischen sich künftig Theaterbesucher mit Nachtschwärmern und Touristen. Ensemble-Mtglieder könnten dort kleine Kostproben ihrer Stücke geben, wie dies schon in Mainz praktiziert wird, um neue Theaterbesucher zu gewinnen.

 

Vor allem jüngere Menschen lieben historische Architektur. Das wird ein sensationelles Stadt-Erlebnis rund um eine prachtvoll beleuchtete Kultur-Ikone. Ich bin mir sicher, daß das Schauspielhaus mit seinen Kolonnaden und den Außenflächen einmal der schönste Platz Frankfurts wird und sogar dem Opernplatz den Rang ablaufen könnte. Also worauf warten wir noch? Packen wirs an!"

 

 

 

Peter Weihnacht

Oberstudienrat i.R.

Beisitzer "Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus Frankfurt e.V."

 

"Es gibt eigentlich nur einen Grund, den ich immer wieder höre, warum die Schauspiel-Oper-Doppelanlage von 1962 erhalten werden sollte:`Wir haben uns daran gewöhnt´. Natürlich kann man sich an Hässlichkeit auch gewöhnen. Aber kann das wirklich hier der Maßstab sein? Ich meine nein.

 

Stattdessen lohnt ein kritisches Hinterfragen, wie es zu dieser Nachkriegs-Bausünde kam. Wir hören immer wieder von einem "demokratischem Baustil" und "Architektur des Aufbruchs". Tatsächlich aber ist dieses Haus weder transparent, denn Glas spiegelt und reflektiert in den meisten Fällen. Noch ist es demokratisch, denn die chromumfassten Eingangstüren von Schauspiel und Oper wirken eher steril-abweisend und sind die meiste Zeit des Tages verschlossen. Nur wer ein Ticket löst, darf hineintreten. Für Behinderte ist der Zutritt erst recht eine Zumutung. Beim Bau des Apel-Gebäudes handelt es sich nach meinem Empfinden eher um "Verdrängungsarchitektur". Mit seiner Geschichte wollte man sich nicht mehr beschäftigen, schon gar nicht mit der jüngsten. Alles Vorangegangene sollte an einer kompromisslos abwaschbar-modernen Architektur gesunden. Welch ein Selbstbetrug! 

 

Mein Gott, was haben wir mit dem Seeling-Bau von 1902 verloren. Welche Pracht des Neorenaissance! Keine Spur von Kaiser-Wilhelm oder Pickelhaube, stattdessen Abbildungen des Frankfurter Stadtpatrons Goethe und des Vertreters der Freiheit, Schiller. Frankfurter Wappen statt Reichsadler. Schwäne statt Adler. Pantherquadriga statt Siegesgöttin. Francofurtia statt Victoria. Dieses Gebäude atmete trotz seines Berliner Architekten Seeling Frankfurter Freiheitsgeist und bürgerliche Liberalität. Offen gestaltet mit einem Lustgarten und prachtvollen Kolonaden, durch die ein jeder hineinschreiten und sich an der reizenden Architektur laben konnte.  Das alte Schauspielhaus fehlt uns und sollte wieder freigelegt und vervollständigt werden. Dafür setze ich mich ein!"

 

 

Matthias Müntze

Immobilienverwalter

Beisitzer "Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus Frankfurt e.V."

 

Einige Jahre bevor ich Dresden zum ersten Mal erlebte, hatte ich mit einem geschätzten Denkmalschützer ein interessantes Gespräch über Rekonstruktionen. Er sagte: "Man kann die Vergangenheit nicht zurückholen." Bei meinem ersten Besuch in Dresden wurde ich von dem Gegenteil seines Rekonstruktionszweifels überzeugt.

 

Ich war nicht in Disneyland, wo die Gebäude aus Kunststoff sind. Der in den 50er Jahren wiederhergestellte Zwinger, die wiederaufgebaute Semper-Oper und vieles mehr waren echtes Handwerk und strahlten Schönheit und Würde aus. Es waren keine Fälschungen, es waren Wahrzeichen, die durch ihre immaterielle architektonische Idee geboren und nunmehr wiederauferstanden waren. Die Stadt war damals noch immer Ruinenstadt und ich ließ mir erzählen, wie glücklich die Leute waren, dass aus den Ruinen der Frauenkirche und des Residenzschlosses wieder prachtvolle Bauten werden sollten, was ja nunmehr eingetreten ist. 

 

So kam ich mit einem älteren Herrn ins Gespräch. Er erzählte: "1988 fragte ich den Architekten des Residenzschlosses, wann der Wiederaufbau abgeschlossen sein würde. Er antwortete: ´Im Jahre 2030 etwa´. Ich war enttäuscht, denn 2030 werde ich wahrscheinlich nicht mehr leben. Dann kam die Wende und jetzt gilt das Jahr 2005. Für 2005 habe ich die gute Chance, dies zu erleben."

 

Diese beiden Großbauprojekte waren für mich Wendepunkte. Zum ersten Mal gab es bedeutende architektonische Baustellen in Deutschland. Architektur war positive Gestaltung und nicht mehr Verschandelung mit langweiligen, sterilen puristischen Kästen, die keinen kulturellen Bezug haben. Auch deutsche Städte sollen Reiseziele werden, die einmalig sind, die unseren Gästen in schöner Erinnerung bleiben.

 

Renaissance, Barock und Klassizismus sind immaterielle architektonische Errungenschaften Europas. Ihre spezifischen Ausprägungen sind sowohl national wie auch regional meistens unterschiedlich. Ihre Kombination ist fast unendlich vielfältig.  Auch außerhalb Europas gibt es grandiose typische und häufig selbst für mich als Ausländer als anheimelnd empfundene Architektur. Aber wir sind hier in Europa.

 

Anderswo ist man häufig weiter als bei uns: In Marokko und Tunesien etwa, werden Privathäuser und öffentliche Gebäude meistens geschmackvoll traditionell gestaltet. Mit Fensterumrahmungen und anderen Ornamenten aus Sandstein oder Gussbeton, wobei  man im letzteren Fall erst auf dem zweiten Blick sieht, daß es Beton und kein Sandstein ist. Und dies wird nicht als historisierend empfunden, sondern als ästhetischer Bauzusatz.

 

Frankfurt ist die Metropole des Rhein-Main-Gebietes. Sie ist die Finanzhauptstadt Deutschlands und ein vibrierendes Wirtschaftszentrum. Vielleicht ist Frankfurt die kleinste Weltstadt der Welt. Ihre Wolkenkratzer stellen einen ehrgeizigen Anspruch auf Wohlstand durch Kaufmannstugenden und Bürgerstolz dar. Frankfurt war niemals eine Residenzstadt mit Schlössern, aber üblicherweise sind auch reiche Bürgerstädte schöne Städte. Wer durch das grüne "Wolkenkratzertal" wandert und auf moderne Bürotürme wie Felsnadeln oder Riesenkristalle blickt, erlebt derzeit einen Gang von der Alten Oper im Neorenaissancestil bis zum ehemaligen Theaterplatz, wo eine trostlose Hässlichkeit neben einem interessanten Brunnen steht. Dieses "Wolkenkratzertal" sollte flankiert werden durch zwei harmonische Juwelen der Neorenaissance. Die ohnehin renovierungsbedürftige Bausünde des Theaters im Bauhaus-Stil sollte abgetragen werden und Platz machen für einen Kulturbau, der Frankfurt repräsentiert. Und dies geht mit dem Wiederaufbau des Theaters von 1902 am besten.

 

Und dies wird nach dem Dom-Römer-Projekt ein weiteres Mal beweisen, daß Frankfurt eine faszinierende Stadt ist. Weite Teile der Altstadt sind immer noch Ödnisse mit primitiven Zweckbauten ohne ästhetischen Anspruch. Das fast vollendete Dom-Römer-Projekt war für die meisten ein gespannt erwartetes großes Geschenk. Dort, wo ein Betonkasten stand, ein Fremdkörper der einfach nicht zu Frankfurt passte, steht jetzt wieder das, was dort hingehört. 

 

Das Schauspielhaus-Projekt und die weiteren Zukunftsvorhaben zur Verschönerung von Frankfurt - also die Wiederherstellung dessen, was vorbildliche und zeitlose Architektur ist - werden zukunftsweisende Unternehmungen sein. Sie sind die Ziele unserer Sehnsucht nach einem besseren Morgen, nach einer schöneren und lebenswerteren Zukunft. Und wenn ich von meinem Wohnort, Mainz, nach Frankfurt fahre, möchte ich Baustellen sehen, auf deren Beendigung gespannt zu warten, sich lohnt. 

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